Ein Affe und (s)ein Selfie

Eine Glosse.

von Gerald Erfurth

In den vergangenen Wochen sind Ihnen in den großen Leitmedien Schlagzeilen begegnet, die auf den ersten Blick den Eindruck machten, als seien sie der „Kurios-Rubrik“ eines regionalen Anzeigenblatts oder dem Mittagsmagazin eines TV-Privatsenders entsprungen. Zum Foto eines sympathisch grinsenden Affen las man Überschriften wie, „Affen-Selfie: Peta verklagt Fotografen bis zur Pleite“ (Süddeutsche), „Affentheater um ein Selfie“ (Der Tagesspiegel) oder wahlweise auch „Finale im Affentheater“ (DER SPIEGEL). Was war geschehen? Wie schaffte es das Bild eines grinsenden Affen auf die vordersten Seiten auflagenstarker Medien? Fangen wir von vorne an.

Die Beteiligten:

Der fotografierte Affe gehört zur Gattung „Macaca nigra“ – auch als Schopfaffe oder Schopfmakak bekannt. In zahlreichen Medienechos wird das Tier auch „Naruto“ genannt. Wer ihm (oder ihr!?) diesen Namen gab, bleibt unklar. Auf der Homepage von Fotograf David Slater ist dieser Name unter dem Foto des Interesses durchgestrichen und durch „Ella“ ersetzt. Naruto oder Ella, Männchen oder Weibchen – eine der ungeklärten Fragen des Falls.

Der Fotograf David Slater widmet sich der Fotografie aussterbender Arten und wollte mit seiner Bilderreihe auf die bedrohte Situation der Tiere in Indonesien (Region Sulawesi) aufmerksam machen. Mit professioneller Ausstattung begab er sich in die Heimat der vom Aussterben bedrohten Wesen und bereitete ein ausgiebiges Shooting vor.

Das Geschehen:

Hier beginnen sich die Darstellungen zu unterscheiden.

Tierfotograf David Slater betont, die Gruppe von Affen, zu welcher Naruto (oder eben Ella) gehörte, ganz gezielt animiert zu haben, mit der von ihm auf einem Stativ installierten Kamera zu spielen. Die Affen seien durch den Ton des Auslösers sowie durch ihr Spiegelbild in der Kameralinse derart begeistert gewesen, dass sich zwangsläufig die Situation ergab, dass eines der Tiere den Auslöser drückte. Das Foto sei dieser Darstellung zu Folge also ein Produkt der vom Fotografen bewusst in Gang gesetzten Reaktion der Tiere.

PETA hingegen behauptet zu wissen, dass „[…] ein Fotograf seine Kamera in Indonesien einen Moment lang unbeaufsichtigt (ließ)“ und diese Situation durch den Makaken bewusst ausgenutzt wurde, um ein Selfie aufzunehmen.

Keine der beiden Versionen lässt sich hinreichend überprüfen. Jedenfalls kam es so zu dem berühmten „Affen-Selfie“.

Der Streit:

Problematisch wurde der Fall ab dem Zeitpunkt, zu dem sich das Foto im Umfeld von Wikipedia im frei verfügbar und ohne Angabe eines Urhebers im Netz wiederfand. David Slater hatte weder Nutzung noch Verbreitung zugestimmt und sah sich durch die nicht abgesprochene Veröffentlichung der Aufnahme benachteiligt.

Wie zu erwarten lautete das Argument der Gegner, dass ein Bild, aufgenommen durch einen Affen, samt seiner Urheberrechte auch dem Affen selbst zustehe.

Die auf den Plan gerufene US-Copyright-Behörde lehnte kategorisch ab, dass ein Urheberrecht besteht. Weder für Mensch noch Tier. Es sei nicht bekannt, dass einem Tier ein derartiges Recht zugesprochen werde, jedoch sei durch das Betätigen des Auslösers durch den Affen auch Slater kein Urheberrecht zu bescheinigen. So hatten auch die Klagen auf zwei Instanzen durch PETA keinen Erfolg, da sich kein Gericht von der Argumentation überzeugen ließ oder es als ausreichend betrachtete, dass möglicherweise eine ganz bewusste und gezielte Handlung von dem Tier ausging als es den Auslöser betätigte.

PETA argumentiert nach wie vor, das amerikanische Urheberrecht verbiete es nicht, dass ein Tier auch Urheber eines Werkes sein kann (http://www.peta.de/monkeyselfie#.WeRGd2h-pPY).

Das Urheberrecht verbietet sicherlich noch viele andere Dinge nicht.

Im Endergebnis einigten sich beide Parteien außergerichtlich. Fotograf Slater gelobt, 25% seiner Einnahmen durch das Bild dem Tierschutz zukommen zu lassen und verzichtet seinerseits auf Klagen. Und was wird nun aus Naruto und „seinem“ Selfie?

Sein Selfie?

Keine Frage, die „Causa Naruto“ ist ein Kapitel amerikanischer – und allgemein urheberrechtlicher – Rechtsgeschichte und hätte ein spektakuläres Ende nehmen können. Am Ende siegte jedoch der gesunde (Menschen)-Verstand. Ist es nicht genau das, worum es geht?

Hätte der Affe das Urheberrecht zugesprochen bekommen, würde er in Konsequenz die damit einhergehenden Rechte und Pflichten tragen müssen. Position ist eben auch Disposition.

Eine geflügelte Phrase und nebenbei ein fester Bestandteil unseres Grundgesetzes (Art. 14 Abs. II) ist die Tatsache, dass „Eigentum verpflichtet“. Ein Zugewinn an Eigentum bedeutet für den Eigentümer immer auch einen Zugewinn an Verantwortung gegenüber sich selbst, der Sache und vor allem gegenüber der Allgemeinheit. Kann ein Schopfmakak all diese Verantwortung tragen und entsprechend handeln? Ich erlaube mir, dies vorsichtig zu bezweifeln. Ein Naruto/eine Ella ist aufgrund der Natur der Sache nicht einmal dazu in der Lage, seine/ihre (Urheber)- Rechte in gesetzlich vorgesehenem Maße wahrzunehmen.

Es ist richtig und wichtig, dass PETA als wohl einflussreichste Tierschutzorganisation dieses Planeten für seine Klienten eintritt. Es ist nicht weniger wichtig, dass Tiere im Zuge eines wachsenden Bewusstseins für Tierschutzrechte auch positive Schutzfunktionen unseres „menschlichen“ Rechtssystems genießen können. Jedoch wäre das Innehaben des Urheberrechts für Naruto nicht nur kurios wie die eingangs erwähnten Schlagzeilen. Es würde seine Fähigkeiten ohne jeglichen Zweifel maßlos übersteigen.

Im Ergebnis bleibt ein bitterer Beigeschmack, dass hier auf dem Rücken eines Wesens ein Streit zwischen Einzelperson und Lobbyisten ausgetragen wurde, der im Interesse des Tieres und seiner Artgenossen begründet gewesen sein soll, aber bei genauerem Hinsehen primär (finanzielle) Interessen der Parteien zur Debatte standen.

Naruto, Ella oder einfach der Affe haben wenigstens eine Sache gewonnen: Ein wunderschönes Selbstporträt – oder neu-deutsch ein „Selfie“. So geht die Geschichte doch irgendwo gut aus. Der Affe und sein Selfie.

——————————————————————————————-

Sollten Sie jemals in diese oder eine ähnliche Situation geraten, möchten wir Ihnen dringend ans Herz legen, mit uns in Kontakt zu treten, um Ihre rechtlichen Interessen bestmöglich zu vertreten.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.